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Whataboutism

Whataboutism – ein Erklärungsversuch.

Zu Beginn ein kleiner Ausflug zu Wikipedia. Whataboutism ist die Änderung eines Gesprächsthemas. Dieses Gesprächsthema muss dabei eine Kritik, Anschuldigung oder ein ausgesprochener, negativer Sachverhalt sein. Wenn der Gesprächspartner von diesem Sachverhalt ablenkt, nennt man das Whataboutism.

Wenn ich mir um alles einen Kopf mache was doof ist, werde ich depressiv.

Auslöser für die kleine Diskussion über WhatsApp mit meinem besten Freund war die Meldung, dass sich der VfB Stuttgart aufgrund zweier Spiele innerhalb von vier Tagen am gleichen Ort gegen den Hamburger Sportverein dazu entschieden hat, viermal zu fliegen. Von Stuttgart nach Hamburg, von Hamburg nach Stuttgart, von Stuttgart nach Hamburg und wieder nach Stuttgart.

Die offizielle Antwort des VfB Stuttgart auf die Kritik an diesem Verhalten war sinngemäß, dass man auch andere Optionen geprüft habe, sich aber in diesem Fall für die optimalen Regenerations- und Trainingsbedingungen in Stuttgart entschieden habe. Man betonte aber auch, dass man als Verein durchaus Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz lege. So habe man beim Neubau des Nachwuchsleistungszentrums auf ein begrüntes Dach geachtet, welches außerdem mit Photovoltaik-Modulen bestückt wurde.

Apropos Nachhaltigkeit und Umweltschutz. War es nicht der VfB Stuttgart der sich bewusst gegen ein Mehrwegsystem im Stadion entschieden hat und stattdessen lieber auf die Einwegplastik-Variante setzt? Lassen wir das an dieser Stelle einfach mal so im Raum stehen und kommen zurück auf die Reaktion meines besten Freundes und die Folgen.

„Wenn ich mir um alles einen Kopf mache was doof ist, werde ich depressiv. Wo fängst Du an wo hörst Du auf? Der Formel 1-Zirkus fliegt jedes Wochenende mit mehreren Tonnen Material um die halbe Welt, um dann vor Ort auch noch Unmengen an Benzin zu verblasen.“

Selbstverständlich hat er Recht indem er sagt, dass auch der Formel 1-Zirkus in Sachen Klimaschutz eher ein Negativbeispiel darstellt. Doch hat das mit dem Verhalten des VfB Stuttgart eigentlich nichts zu tun. 

Überhaupt fällt auf, dass viele Menschen bei Themen wie Klima oder Umwelt auf eine Diskussionstechnik zurückgreifen, die vor allem eines ist: unglaublich bequem.

Whataboutism.

Denn ähnlich verhält es sich mit Menschen, die sich das Fleisch essen nicht von Greta Thunberg persönlich „verbieten lassen möchten“ und dann mit dem Argument um die Ecke kommen, dass für die Herstellung von Sojaprodukten doch auch Regenwälder abgeholzt werden und das dafür die Vegetarier & Veganer verantwortlich seien (was Unsinn ist, aber das nur nebenbei). Das sind überraschenderweise oft die gleichen Zeitgenossen die Bioplastik, hergestellt aus … Nahrungsmitteln … als Entschuldigung für die Nutzung von Einwegplastik betrachten.

Dass die Schiffe, die von Organisationen wie Sea Shepherd zum Schutz der Wale eingesetzt werden um die japanischen Walfänger aktiv daran zu hindern, Jahr für Jahr tausende Wale abzuschlachten, mit Diesel betrieben werden und dass der Gründer dieser Organisation für öffentliche Auftritte auch mal das Flugzeug benutzt.

Dass die jungen Menschen, die Freitags die Schule schwänzen doch dann künftig bitte auch auf Videospiele, WhatsApp-Nachrichten oder YouTube verzichten sollten, weil auch das eine ganze Menge CO2 verursache … „wenn sie schon nach Umwelt -und Klimaschutz“ schreien.

Selbst wir haben in der jüngeren Vergangenheit mal einen Kommentar unter einem unserer Facebook-Beiträge zum Thema deutschem Müll in Afrika gelesen, indem der Autor des Kommentars uns vorgeworfen hat dass wir ja auch nach Afrika geflogen wären. Auch gab es auf Instagram einmal den Vorwurf, dass wir mit Mehrwegplastik-Boxen im Unverpackt-Laden gewesen sind und dass das ja keinen Sinn machen würde.

Ist vielleicht genau diese Tatsache das Problem?

Auch der erwartete Perfektionismus von denen, die nach Veränderungen schreien durch diejenigen, die sich nicht verändern möchten, ist ein weiteres Beispiel für eine Verhaltensweise, die schon Pippi Langstrumpf in der Villa Kunterbunt mit der Aussage beschrieb: „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“.

Ist es nicht einfach nur unglaublich dumm, Menschen in ihrem Vorhaben, etwas zum Positiven (für die Welt, nicht für Dich persönlich, Dieter) zu verändern zu diskreditieren, was mit der Sache für die sie sich einsetzen, zumeist nichts zu tun hat?

Ist es nicht einfach nur unfassbar dämlich, nach Fehlern zu suchen statt Gutes zu sehen – nur um sich selbst nicht eingestehen zu müssen dass das eigene Verhalten eventuell “falsch” gewesen sein könnte?

Zu guter Letzt wäre da noch die Sache mit der Doppelmoral. Neben Whataboutism und Perfektionismus der dritte Faktor, der uns selbst daran hindert die Welt zu retten.

Wie können wir uns an der bunten Unterwasserwelt erfreuen, um dann abends den gegrillten Fisch zu essen? Wie können wir uns über die Müllinsel der Malediven echauffieren, um dann am Strand ne Kokosnuss mit Plastikstrohhalm zu geniessen?

Wir finden es schlimm wenn wir bei Stern TV sehen, wie unser Vieh unter unwürdigen Bedingungen gehalten und geschlachtet wird. Wir sind schockiert, wenn im Blut von Kindergarten-Kindern Plastikrückstände gefunden werden oder wenn wir den Müllberg sehen, der Tag für Tag in den Recycling-Anlagen deutscher Großstädte abgeladen wird.

Schlimm, sowas. War was?

Viele Menschen weigern sich jedoch vehement, Anschlussfragen zu stellen oder Gesehenes oder Erlebtes miteinander in Beziehung zu bringen und daraus, das wäre die Königsdisziplin, Schlussfolgerungen und Veränderungen zu ziehen. Als hätten sie dazu entweder keine Lust, keine Zeit … oder Angst davor?

Beispiel? Meldungen darüber dass sowohl Deutschland als auch andere Industriestaaten regelmäßig tonnenweise Müll nach Afrika und Asien exportieren, scheinen nicht viel an der Denkweise zu ändern dass wir weiterhin mit dem Finger auf die Afrikaner und Asiaten zeigen und sagen, dass sie für das weltweite Plastikproblem verantwortlich sind. Dass wir nebenbei immer mehr Plastikmüll produzieren, ist hierbei selbstverständlich.

Immer mehr Menschen wissen dass Sonnencreme, Duschgel, Peeling und Co. Mikroplastik enthalten. Trotzdem haben 9 von 10 Menschen, die wir am Strand sehen – egal wo auf der Welt – Discounter-Sonnencreme. Fast egal in wessen Badezimmer man sich umschaut, überall haufenweise die gleichen Marken aus der Drogerie voller Kunststoffe.

Wir – die in der Geburtslotterie das Los mit der Aufschrift „Industriestaat“ gezogen haben – können uns schlicht nicht in die Situation der Menschen hineinversetzen, auf deren Los „Indonesien“ oder „Tansania“ stand. Was wenn nicht jede Woche die Müllabfuhr kommt? Wenn es keine modernen Recycling-Anlagen gibt? Was wenn Du keine Fische mehr fängst um Deine Familie zu ernähren, weil die riesigen europäischen Industrietrawler jedes Jahr Millionen Fische vor der Küste Afrikas aufsaugen?

Zum Thema Recycling … was glauben wir eigentlich wer wir sind, wenn wir es in einem Land wie Deutschland nicht hinbekommen unseren Müll ordentlich zu trennen (wir haben deutschlandweit eine Fehlwurfquote im gelben Sack zwischen 40 und 60 Prozent) und zu recyceln (wir recyceln 17,3 Prozent, das geht aus einer Studie von Conversio hervor, die unter anderem der Verband „Plastics Europe“ in Auftrag gegeben hat) … wie können wir dann also Menschen in anderen Ländern Vorwürfe machen?

Haben wir vielleicht mal darüber nachgedacht, dass wenn wir den Regenwald weiter abholzen, Meere verschmutzen, unfassbar viel CO2 in die Atmosphäre blasen und 365 Tage im Jahr Tiefkühltunfisch essen möchten … dass dann vielleicht eines Tages immer mehr Flüchtlinge zu uns kommen werden weil sie dort, wo sie leben möchten, nicht mehr leben können weil es … kein Wasser, kein Essen oder keinen Wald mehr gibt oder weil es einfach unfassbar heiss ist?

Nach uns die Sintflut – Whataboutism Deluxe

Immer wieder frage ich mich, ob uns allen eigentlich bewusst ist was wir mit unserem Verhalten anrichten und worüber wir hier überhaupt reden.

Glauben wir wirklich, dass sich mehr oder alle Wissenschaftler dieser Welt irgendwelche Horrorszenarien ausdenken? Dass Greta, die Grünen oder die Umweltschutzorganisationen dieser Welt uns einfach nur ärgern oder unsere Komfortzone zerstören möchten?

Wissen wir was es bedeuten würde wenn der Permafrostboden in der Arktis langsam auftaut und das wir, wenn das darin gespeicherte CO2 entweicht, eine unaufhaltsame Kettenreaktion in Gang setzen würden, die unsere heile Welt aber mal sowas von gefährdet? Wissen wir was es bedeutet, wenn wir jeden Tag Millionen Hektar Regenwald abholzen um dort Weideland für Vieh zu schaffen oder Platz für neue Palmöl-Plantagen? Ist uns bewusst dass es, wenn wir so weitermachen, bald keinen Regenwald mehr gibt – und viel schlimmer, was dann passiert? Der Regenwald ist dann WEG, gibt es nicht mehr, Geschichte … verstehen wir was WEG bedeutet? Kennen wir überhaupt die Funktion des Regenwaldes? Oder die des Meeres? Oder die des Klimas? Oder wissen wir was das Wort “ausgestorben” bedeutet?

Was glauben wir denn was passiert, wenn wir einfach so weitermachen wie in den letzten 50 Jahren – bilden wir uns wirklich ein dass unser „Whataboutism“ ein Teil der Lösung ist? Oder ist diese Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf ähnliche oder andere Missstände vielleicht einfach der Grund allen Übels?

Ich frage mich, wann Menschen endlich verstehen dass es keine leeren Worte sind wenn es heisst, dass jeder bei sich selbst anfangen müsste. Dass die Verinnerlichung der Aussage, dass niemand perfekt sein muss, sondern das es vielleicht für den Anfang reichen würde wenn möglichst viele Menschen es zumindest versuchen würden, vielleicht genau das ist was die diese Welt eigentlich braucht.

Wir brauchen keine perfekten Menschen, die gab es nie und wird es auch nie geben.

Was wir brauchen sind Menschen, die bereit sind Dinge zu verändern. Die sich auf eine Reise begeben mit dem Bestreben, Tag für Tag die Welt ein ganz kleines bisschen besser zu machen als sie es gestern war. Oder – und das ist ein wichtiger Punkt, um es zumindest nicht noch schlimmer zu machen.

Wenn jeder in seinem eigenen Leben damit beginnen würde, Dinge und Verhaltensweisen zu verändern. Wenn wir damit aufhören würden, die Schuld für die Probleme dieser Welt bei anderen Menschen in anderen Ländern zu suchen oder darauf zu warten, dass andere Menschen, die Politik oder die Industrie die Welt schon irgendwie für uns retten werden. Wenn wir einfach mal anfangen würden Dinge hinterfragen, Schlussfolgerungen zu ziehen und unsere eigene kleine Welt, auf dem Weg vom Lidl zum Friseur oder von der Kita zum Fussball-Training zu verändern.

Wir brauchen auch nicht überall sofort die eierlegende Wollmilchsau … wieso erwarten Menschen immer gleich die perfekte Lösung für alle Probleme? Vielleicht fangen wir einfach mal an mit einer nicht perfekten Lösung und entwickeln sie weiter?

Wie sagte Greta zuletzt: „How dare you?“ – wie können wir es wagen Menschen zu kritisieren die sich für das Klima, gegen Plastikmüll, gegen das Aussterben von Tierarten oder für was auch immer einsetzen?

Wie können wir es wagen, Perfektion von anderen Menschen zu erwarten WENN sie den Mund aufmachen wollen?

Wie können wir es wagen, einfach so weiter zu machen wie immer, wohlwissend dass wir vielleicht nicht unsere, sondern die Welt der Menschen die nach uns kommen, langsam zerstören?

Im Grunde genommen möchte sich der Mensch nicht verändern – und das ist absolut verständlich. Und vor allem Whataboutism scheint hier eine willkommene Taktik zu sein, um weiterhin nichts tun zu müssen. Wohlwissend, dass wir trotzdem etwas ändern müssen.

Da ist der Satz meines Freundes „Wenn ich mir um alles einen Kopf mache was doof ist, werde ich depressiv“ die deutlich einfachere einfachere Variante. Das kann man so machen – die Frage ist was wir unseren Kindern antworten wenn Sie fragen, warum wir denn nichts oder nicht genug getan haben um die Welt zu retten, so wie wir sie noch gekannt haben. 

Am Ende sollte sich wohl jeder Mensch (vor allem in den Industriestaaten) eine Frage stellen. Und sich einen Kopf machen.

Wie konnte es soweit kommen? Und wer ist daran Schuld? Wenn es vielleicht die Menschheit in all Ihren Facetten als Ganzes gewesen ist, die all das verursacht hat … sollte es dann nicht auch die Menschheit selbst sein, die versucht es zu reparieren? Und wenn einzelne Menschen nicht mitmachen wollen, dann könnten sie zumindest die Fr… halten und aufhören mit Whataboutism, Doppelmoral und dem Streben nach Perfektion. Denn genau diese drei Dinge haben uns wahrscheinlich genau dorthin gebracht wo wir heute sind.

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